Was ist Peer Counseling?

Peer Counseling ist die Beratungsmethode, die von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung aus den Gruppen der Independent Living Bewegung entwickelt wurde. Anfangs ging es in den Peer-Gruppen eher um gegenseitigen Erfahrungsaustausch und Unterstützung.

Mit dem Peer Counseling, als strukturierte Beratungsmethode auf Grundlage der klientenzentrierten Gesprächsführungsmethode von Carl Rogers haben von Behinderung betroffene ein Angebot für Menschen mit Behinderung geschaffen, das eine einzigartige Wirkung für die Menschen und unsere Gesellschaft hat. Menschen mit Behinderung lernen sich durch die Beratung als wertvoll und als aktives Mitglied der Gesellschaft kennen. Sie gestalten ihr Leben selbst und bringen sich aktiv in die Gesellschaft als vollberechtigtes Mitglied mit ein. Für mich ist Peer Counseling in allererster Linie meine berufliche Grundlage. Ich habe zwar Sozialarbeit studiert, aber ich fühle mich seit dem ich die Weiterbildung zur Peer Counselorin ISL gemacht habe, nicht mehr als Sozialarbeiterin sondern, als Peer Counselorin. Ich arbeite seit dem auch nur noch als Peer Counselorin. 

 

Peer Counselor*innen haben alle eine Behinderung/Beeinträchtigung

 

Wichtigste Voraussetzung, um anderen behinderten Menschen auf Grundlage der eigenen Erfahrung als Mensch mit Behinderung Beratung anzubieten ist, dass ich selber von Behinderung betroffen bin und dass ich selbstbestimmt und eigenverantwortlich leben will. Das bedeutet ich ein Rollenvorbild für andere Peers bin. Ein Beispiel:  Wenn andere Peers sehen und erleben, dass ich mit Persönlicher Assistenz lebe, könnte der Gedanke aufkommen: “ Ich frage sie mal wie sie das geschafft hat“ oder “ Wenn Evelyn das schafft, schaffe ich das auch.“ 

 

Wir wehren uns gegen Diskriminierung und gegen Ausgrenzung

 

Die allermeisten Menschen mit Behinderung erleben Ausgrenzung und Diskriminierung.              Als Peer Counselorin nehme ich diese Erfahrungen nicht einfach hin, sondern wehre mich und kämpfe gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Ich kenne Ausgrenzung und Diskriminierung aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ich nicht ins Restaurant kommen, weil 3 Stufen davor sind, oder wenn es keine behindertengerechte Toilette gibt. 

 

Annehmen der eigenen Behinderung

 

Ich akzeptiere, dass ich nicht laufen kann und dass ich die Hälfte meines Körpers nicht spüre und nehme mich mal mehr mal weniger so an, wie ich bin. Ich habe zwar schon bevor ich Peer Counselorin geworden bin, Menschen mit Behinderung beraten, aber erst als ich mich selber mit meiner Behinderung und den damit verbundenen Gefühlen beschäftigt habe, hat sich bei mir ein „Peer-Gefühl“ entwickelt und ich kann mich seit dem in andere Menschen besser einfühlen und ihre Gefühle wahrnehmen, akzeptieren und Vertrauen in den Prozess haben, dass alle Menschen ihr eigenes Tempo haben. 

Es gibt noch ein paar Grundsätze im Peer Counseling, die für die tägliche Arbeit wichtig sind. 

 

Die Grundsätze des Peer Counselings sind:

 

Ressourcenorientierung

 

Wir konzentrieren uns in der Beratung nicht auf das, was die ratsuchende Person nicht kann, sondern auf das, was sie kann und will. Grade ich, die ihre Behinderung von Geburt an hat, habe es oft in meiner Kindheit erlebt, dass Ärzt*innen und Therapeut*innen sich mit meinen Defiziten beschäftigt haben und nicht das gefördert haben, was ich schon gut und gerne gemacht habe, sondern Defizite ausgleichen wollten. 

 

Expert*innen in eigener Sache

 

Wir glauben, dass jeder Mensch, die meisten ihrer Probleme des täglichen Lebens selber lösen können, wenn sie die Gelegenheit und Unterstützung dafür bekommen. Meine Aufgabe als Peer Counselorin ist nicht, Probleme für die Peer Person zu lösen, sondern, sie dabei zu unterstützen, selbst herauszufinden, was sie will und ihr die Informationen zu geben, die sie braucht, um sich entscheiden zu können. Die Peer Person ist die Expert*in in eigener Sache. Sie weiß am besten, was gut für sie ist. 

 

Ermächtigung/Empowerment

 

Als Peer Counselorin ist es unser Ziel, das Selbstwertgefühl der Peer Person zu stärken. Wir Menschen brauchen Kraft und Durchsetzungsvermögen, um für unsere Rechte einzustehen.

 

Parteilichkeit

 

ist tatsächlich für mich der wichtigste Grundsatz. Wir sind immer auf der Seite der Peer Person. Ich habe oft in Einrichtungen der Behindertenhilfe gearbeitet und da gab es oft Situationen, dass die Mitarbeitenden der Einrichtung oder die Angehörigen etwas anderes für die Peer Person wollten bzw. sich vorgestellt haben. Meine Aufgabe als Peer Counselorin ist es in so einer Situation, die Interessen der Peer Person im Fokus zu behalten. 

Peer Counseling ist  nicht nur mein Arbeitswerkzeug, sondern zu einer Haltung geworden. Ich bin Peer Counselorin. Ich arbeite als Peer Counselorin. Ich fühle mich als Peer Counselorin. Die Haltung, die ich als Peer Counselorin gegenüber meiner Peer Person einnehme, habe ich auch in meinen privaten Alltag zu einem ganz großen Teil verinnerlicht.

 

 

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